
So planen wir sichere Skitouren
Skitouren in den Lyngen Alpen: Lawinengefahr richtig einschätzen
Wer zum ersten Mal zum Skitourengehen in die Lyngen Alpen reist, fragt sich oft, ob die Lawinengefahr hier anders ist als in den Alpen.
Die kurze Antwort lautet: Die physikalischen Gesetze sind dieselben – entscheidend ist, die Schneedecke richtig zu verstehen.
Die Physik kennt keine Landesgrenzen
Ob in Österreich oder in Nordnorwegen – eine Lawine entsteht immer dann, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen: ein ungünstiger Schneedeckenaufbau, ausreichend steiles Gelände und eine zusätzliche Belastung.
Daran ändert auch die Lage nördlich des Polarkreises nichts.
Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr darin, die Entwicklung der Schneedecke richtig zu beurteilen und die Tourenplanung entsprechend anzupassen. Vor einiger Zeit hab ich einmal ein Buch zu diesem Thema geschrieben: Im Skitouren Coach versuche ich das Thema Schnee und Lawinenkunde auf die einfachsten und wichtigsten Basics zu reduzieren.
Die Schneedecke erzählt ihre eigene Geschichte
Ein einzelner Lawinenlagebericht reicht oft nicht aus. Genauso wichtig ist es, die Entwicklung der Schneedecke über den gesamten Winter zu kennen.
Genau hier liegt einer der großen Vorteile lokaler Erfahrung.
Oft unterscheiden sich die Verhältnisse je nach Höhenlage oder Exposition deutlich – Unterschiede, die von außen kaum zu erkennen sind.
So hielt sich beispielsweise in der Saison 2025/26 oberhalb von etwa 800 Metern eine aufbauend umgewandelte Schwachschicht praktisch den gesamten Winter. In den tieferen Lagen war dagegen häufig Feuchtigkeit in der Schneedecke das Hauptproblem.
Solche regionalen Unterschiede entscheiden letztlich darüber, welche Touren an einem bestimmten Tag sinnvoll und sicher sind.
Tourenplanung beginnt am Vorabend
Unsere Tourenplanung beginnt nicht erst am Morgen, sondern bereits am Abend davor.
Gemeinsam mit den anderen Bergführern besprechen wir die aktuelle Wetterentwicklung, den Lawinenlagebericht sowie die Beobachtungen aus den verschiedenen Regionen der Lyngen Alpen. Gerade der Austausch mit anderen lokalen Bergführern liefert oft wertvolle zusätzliche Informationen, die in keinem Lawinenlagebericht zu finden sind.
Auf dieser Grundlage entscheiden wir, welche Tour für den nächsten Tag die beste Wahl ist. Nicht selten wird das ursprünglich geplante Ziel noch einmal geändert, weil Wind, Schneefall oder die Entwicklung der Schneedecke eine bessere Alternative sinnvoll erscheinen lassen.
Warum passieren trotzdem schwere Unfälle?
Auch in den Lyngen Alpen ereignen sich immer wieder schwere Lawinenunfälle. Viele davon wirken im Nachhinein vermeidbar.
Ein tragisches Beispiel war der Unfall im Kvalvikdalen im Jahr 2023. An diesem Tag herrschte Lawinenwarnstufe 4, zahlreiche Zufahrtsstraßen waren aufgrund der hohen Lawinengefahr bereits gesperrt. Trotzdem kam es zu einem Lawinenunfall mit tödlichem Ausgang.
Auch im vergangenen Winter wurde beim Eisklettern in Furuflaten eine Lawine ausgelöst. Die Situation war außergewöhnlich kritisch, dennoch wurde die Gefahr offensichtlich massiv unterschätzt.
Solche Ereignisse lösen sowohl bei der einheimischen Bevölkerung als auch unter den lokalen Bergführern regelmäßig Verwunderung aus.
Warum wird die Gefahr manchmal unterschätzt?
Neben den objektiven Bedingungen spielt aus meiner Sicht auch die Psychologie eine wichtige Rolle.
Viele Gäste verbringen nur fünf oder sechs Tourentage in Norwegen. Nach einer langen Anreise möchte man verständlicherweise möglichst viel erleben. Vielleicht hat man sich seit Monaten auf einen bestimmten Gipfel gefreut oder das Wetter war bereits mehrere Tage schlecht.
Genau dann entsteht leicht der Druck, "es trotzdem zu versuchen".
Diese Erwartungshaltung kann dazu führen, dass Warnsignale unbewusst relativiert oder Risiken anders bewertet werden. Gerade deshalb ist es wichtig, Entscheidungen möglichst objektiv und unabhängig von persönlichen Wünschen zu treffen.
Gute Informationen sind unverzichtbar
Die Region Troms verfügt über einen hervorragenden Lawinenlagebericht. Besonders wertvoll ist dabei, dass dieser durch zahlreiche Beobachtungen aus der Plattform RegObs ergänzt wird. Dadurch entsteht ein sehr aktuelles Bild der Schneeverhältnisse in den unterschiedlichen Regionen.
Diese Informationen bilden die Grundlage jeder seriösen Tourenplanung und sollten konsequent genutzt und ernst genommen werden.
Es gibt fast immer eine sichere Alternative
In über 15 Jahren und unzähligen Skitourenwochen in den Lyngen Alpen musste ich noch nie eine komplette Woche absagen.
Der Grund dafür ist nicht, dass das Wetter immer perfekt wäre oder die Lawinengefahr keine Rolle spielt. Entscheidend ist vielmehr, dass wir unsere Tourenziele jeden Tag flexibel an die aktuellen Bedingungen anpassen.
Für Schlechtwettertage oder Phasen mit erhöhter Lawinengefahr kenne ich zahlreiche sichere Alternativen. Oft bewegen wir uns dann bewusst in tieferen Lagen. Der Birkenwald bietet dort selbst bei Schneefall häufig gute Sichtverhältnisse und ermöglicht schöne sowie vergleichsweise sichere Abfahrten.
Gerne verbinden wir diese Touren auch mit einer kleinen Hütte oder einem besonderen Zwischenstopp. Genau so verbringen viele Einheimische ihre Schlechtwettertage.
Sicherheit bedeutet nicht unbedingt Verzicht
In all den Jahren, gab es erst zwei Tage im Rahmen von Tourenwochen, an denen ich beschlossen habe gar nicht auszurücken. Die Lyngen Alpen bieten eine enorme Vielfalt an Skitouren. Gerade deshalb gibt es auch kaum einen Grund, unnötige Risiken einzugehen.
Wenn die Bedingungen für eine Tour nicht passen, wählen wir eine andere. Sichere Alternativen gibt es im Normalfall genügend.
Aus meiner Erfahrung entstehen die schönsten Tourentage oft nicht auf den höchsten Gipfeln, sondern dort, wo Wetter, Schneeverhältnisse und Tourenziel perfekt zusammenpassen. Genau diese Flexibilität macht eine gelungene Skitourenwoche in den Lyngen Alpen aus.
Hier findet ihr den Link zum Lawinenlagebericht und zu den Regobs.
Der Wetterbericht auf Yr .no ist - zumindest kurzfristig - relativ zuverlässig.


